Zitronen oder Limonade?

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Inhaltsverzeichnis

Wieder ist ein Jahr vergangen und wieder war es schwer, eine gute Zukunft zu denken. Angesichts der sich anhäufenden Katastrophen frage ich mich wiederholt, woher ich meine grundsätzlich positive Haltung nehme.

Der Liebe folgen

Meine Antwort ist einfach: Ich nähre sie durch meine Entscheidung, der Liebe zu folgen und nicht der Angst. Darüber habe ich in meinem letzten Blog „Nur 2 grundsätzliche Möglichkeiten – Liebe oder Angst“ geschrieben. Und ich nähre sie mit einer durch Neugierde geprägten Offenheit. Denn allein Neugierde macht freundlicher, und damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich mehr Wertschätzung und Dankbarkeit einstellen. Das wiederum erschafft die Möglichkeiten, neue Lösungen zu finden.

No drama, Llama

Unser Gehirn ist auf Drama ausgerichtet – damit sind wir auf Drama ausgerichtet. Menschen halten hartnäckig an falschen Daten fest, selbst wenn man solide Daten anbieten kann, die die bisherige Vorstellung in Frage stellen oder sie gar falsch erscheinen lassen. Das Seltsame daran: Obwohl wir inzwischen wissen, was unser Gehirn aufmerksam sein lässt, erlauben wir uns den Luxus, so zu tun, als hätten wir darauf keinen Einfluss. Dabei haben wir den – wenn wir uns daran erinnern, bewusste Wesen zu sein. Ja: Mit Herz und Bewusstsein können wir Daten neu bewerten. Wir können ihnen das Drama nehmen und sie in den richtigen Zusammenhang stellen. Ein Buch, in dem du das alles nachlesen kannst, ist Factfulness.

Die Autor*innen widmen sich dem Thema, wie wir lernen können, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ihr Ziel: eine offene Geisteshaltung für Ansichten und Urteile auf der Basis solider Fakten. Du liest richtig, für eine solche Haltung musst du etwas tun. Aktiv! Bei jedem dramatischen Input darfst du in Zukunft die Frage stellen: Was bedeutet das wirklich? Im Wesentlichen geht es darum, mit der Drama-Ausrichtung deines Gehirns nicht sofort übereinzustimmen, dich nicht mit ihr zu identifizieren. Das ist nicht mit Schönreden zu verwechseln, denn dein Gehirn ist nicht dumm. Es merkt, wenn du lügst.

Zitronen oder Limonade?

Während meiner Raunächte im letzten Jahr habe ich mir als verrücktes Ziel für 2023 vorgenommen, Limonade zu machen. Es war ein spontaner Einfall, der mich selbst überrascht hat, denn eigentlich mag ich keine Limonade. Aber wenn man seit Jahrzehnten zu jedem Jahresbeginn 3 Ziele definiert (1 berufliches, 1 privates und 1 verrücktes), dann kann man schon mal an den Punkt kommen, wo man nichts Verrücktes mehr weiß. Meine wirklich verrückten Ziele hatte ich eben alle schon gesetzt und erreicht. Denn darum geht es bei diesen 3 Zielen: sich für sie einzusetzen. Alles, was darüber hinaus geschieht, nehme ich freudig an.

Limonade also. Für ordentliche Limonade braucht man Zitronen, denn nur so wird die Limonade prickelnd. In diesem Jahr habe ich viel mit Kräutern und Früchten experimentiert, zucker- und süßstofffreie Limonade gemacht, und ich kann sagen: Ich weiß nun sehr viel mehr über Limonade als jemals zuvor. Ist das wirklich wichtig? Vielleicht nicht, aber es hat mich oft zum Lachen gebracht, und das war es auf jeden Fall wert. Als ich dann noch das Jahr an mir vorbeiziehen ließ, ist mir vor allem eines bewusst geworden: 2023 hat mir auch metaphorisch betrachtet viele Zitronen angeboten – und ich habe in der Regel auch daraus Limonade gemacht. Welch wunderbare Erkenntnis!

Während ich alle meine Aufzeichnungen aus dem Raunächteritual nochmal las, wurde mir klar, wie sehr ich die Grundlage für dieses Vertrauen in meine Kraft schon in diesen Nächten gelegt habe. Auch in diesem Jahr biete ich wieder Begleitung durch diese Zeit zwischen den Jahren an. Es geht darum, Vertrauen in die eigene Kraft zu entwickeln und die eigene Zukunft zu gestalten. Darum geht es immer, nicht nur in den Raunächten, aber sicher in diesem Blog. In jedem Fall lädt mich diese Zeit immer zum Spielen ein. Und das ist gut für mein Herz und mein Gehirn, denn beide wollen spielen.

Die Macht des Erzählens

Menschen leben von Geschichten und sie erzählen sie. Nicht jede Person macht das beruflich, aber wir alle erzählen Geschichten. Die alles entscheidende Frage ist, welche Geschichte wir uns über diese Welt erzählen. Welche Geschichte wir erzählen, um unsere Werte zu untermauern und für sie einzutreten. Geschichten haben eine unglaubliche Kraft, und wer sie erzählt, hat eine besondere Macht. Umso wichtiger, dass du die richtige Geschichte erzählst. Ganz sicher hast du schon die Erfahrung gemacht, dass falsche Gerüchte sich hartnäckig halten. Auch sie sind Geschichten – zwar die falschen, aber trotzdem sehr mächtig. Ich fordere dich auf, Geschichtenerzähler*in zu werden und gute Geschichten in die Welt zu tragen. Gute Erlebnisse, gute Erfahrungen, solide Daten. Ein solche Geschichte möchte ich dir erzählen.

Werte und Kultur

Es ist eine Geschichte, die mich belebt zurückgelassen hat. Eine Impulsbegegnung.

Wieder einmal sitze ich in einem sehr vollen Zug. Mir gegenüber sitzt an einem Einzeltisch mit Fensterplatz ein im Verhältnis zu mir junger Mann. Schon unser Anfang ist besonders. Er ist umsichtig, achtet meinen Raum und seinen. Noch während ich mein Gepäck verstaue, bietet er mir Hilfe an. Die brauche ich zwar nicht, aber ich finde es nett, sie angeboten zu bekommen. Mit einem Lächeln sage ich: „Es ist immer nur am Anfang schwierig.“ Er antwortet mit einem Nicken: „Und am Ende, da ist es auch nochmal schwierig.“ – „Und dazwischen ist es einfach.“ Wir sind uns einig, und obwohl wir über den Umgang mit Gepäck sprechen, ist es eine Metapher für das Leben. Noch eine. Irgendwie sind sie überall zu finden. Auch schön.
Ich versinke in meinem PC und höre, wie er zu telefonieren beginnt. Leise. Umsichtig. Sehr höflich. Dann höre ich eine fremde Sprache, vielleicht Persisch. Er wirkt milde und überlegt. Und ich bekomme unfreiwillig Einblick darin, wie er in seiner Firma agiert. Umsichtig, freundlich, hilfsbereit. Tatsächlich schafft er es sogar mit Kopfhörern, stimmlich leise zu bleiben. Eine Seltenheit, die alle, die mit der Bahn fahren, bestätigen können.

Am Ende der Reise

Auf den letzten Kilometern kommen wir ins Gespräch. Ich frage ihn nach seinem Hintergrund. „Meinen Sie beruflich?“ Ich nicke. „Ich bin Mathematiker und arbeite als Consultant.“ Ich bemerke, wie er sich entspannt, weil ich nicht nach seinem offensichtlichen Migrationshintergrund frage, der hinter seinem perfekten Deutsch sichtbar ist. Wir sprechen über die Verspätung und wie man mit ihr umgehen kann. „Ich kann damit umgehen und ich stelle mich darauf ein“, sagt er. Und ich denke: So macht man Limonade. „Ich könnte mich auch aufregen, aber das ändert nichts“, fährt er fort. Und jetzt denke ich: Sich nutzlos aufzuregen, entspricht einer echten Zitrone. Mein bestätigendes Nicken lässt ihn weitersprechen. „Mich stört am meisten die Unhöflichkeit mancher Bahnangestellten, wenn es um Verspätungen geht.“ Und dann erzählt er mir eine Geschichte, die ich wirklich kraftvoll finde, deswegen erzähle ich sie weiter.

Der Umgang entscheidet

Neulich stand er am Bahnsteig, der größte Teil der Züge fiel aus. Vor ihm stand eine ältere Dame, die stolz berichtete, wie sie es geschafft hatte, online das Ticket zu besorgen. Sie wollte 1. Klasse fahren – nach Berlin. Und natürlich fiel auch ihr Zug aus. Alles hatte sie geschafft, nur dieses letzte wollte ihr nicht gelingen. Sie konnte sich nicht orientieren und sprach einen Bahnangestellten an, ob er ihr helfen könne. Doch das tat er nicht, und nicht nur das, er ignorierte sie auch noch. Das macht meinen Mitreisenden so ärgerlich, dass er hinter dem Angestellten herlief und sagte: „Ziehen Sie Ihre Sachen aus.“ – „Warum?“ – „Sie tragen die Uniform der Bahn und geben vor, für diese zu arbeiten, aber Sie tun es nicht.“ Nach einem kurzen, ärgerlichen Disput half der Bahnangestellte der Dame dann doch, einen Alternativzug zu finden.

„Wissen Sie“, sagt der junge Mann zu mir, „es geht hier nicht nur um Unfreundlichkeit, sondern um die Art, mit Kunden umzugehen. Diese Frau hat viel Geld in die Hand genommen, sie war aufgeregt, und der Typ hat das alles ignoriert.“ – „Haben Sie sich besser gefühlt?“, frage ich. „Ja, weil ich für meine Werte eingetreten bin.“

Klarheit und Wahrheit

Einfach so. Ein klarer Satz und eine tiefe Wahrheit. Er setzt sich für eine andere Person ein und fühlt sich besser. Mit der Verteidigung seiner Werte erschafft er eine Geschichte, an die sich mehrere Menschen nachhaltig erinnern werden, vielleicht ja auch du. Denn mit unnachgiebiger Hoffnung, der Bereitschaft, nicht aufzugeben, können wir Berge versetzen – im Großen wie im Kleinen.

Wir haben es immer in der Hand, wie wir die Welt betrachten wollen. Daher frage ich dich: Welche Geschichte willst du erzählen? Welche Geschichte erzählst du dir über die Welt? Und welche Geschichte willst du anderen erzählen, damit sich die Magie des Lebens entfalten kann?
Beginne dort, wo du es kannst. Jeder kleine Schritt zählt. Und vergiss nie: Manchmal braucht es die ganz sauren Zitronen, um gute Limonade zu machen.

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