Gemeinsam divergent denken

Inhaltsverzeichnis

Beim letzten Mal habe ich über den Stamm der Herzen gesprochen. Heute geht es zunächst noch mal um andere Aspekte eines Stammes: die Regeln. Nicht immer können wir uns aus ganzem Herzen in einen Stamm integrieren. Da wir in ihn hineingeboren werden, kann es eine erhebliche Herausforderung sein, eine Entscheidung für oder gegen ihn zu treffen. Entweder wir passen uns mit der Zeit an, oder wir kämpfen gegen die vorhandenen Regeln. Manchmal führt das auch dazu, dass wir uns von unserem Stamm trennen müssen. Normalerweise sucht man sich dann eine neue Gruppe. Dieser Prozess ist unvermeidlich und die meisten Menschen sind mit ihm vertraut.

Wohlgefühl und klare Absicht

Wohlfühlen hat damit zu tun, ob wir den Menschen um uns herum zugetan sind. Lebenswerte Regeln teilen und eine gemeinsame Absicht verfolgen gehört auch dazu. Wie kann man eine solche Absicht entwickeln? In meinem Blog-Beitrag „Problemlösungen im Gehen“ habe ich über die Notwendigkeit einer klaren Absicht geschrieben, die sich auf dich und die Menschen um dich herum bezieht. Dieser Gedanke ist Teil des Motivs über Stammesbewusstsein, das mich seit Jahren fasziniert. Menschen brauchen andere Menschen. Wir regulieren uns gegenseitig, und das in jeder Hinsicht. Sogar Stressregulation geht besser, wenn wir in der richtigen Gruppe sind. Darüber habe ich ausführlich in meinem Buch „Stress ist kein Monster – 13 Dinge, die Du über Stress wissen solltest“ geschrieben.

Die Beziehung zu uns selbst

Die Beziehung zu uns selbst wirkt sich unmittelbar darauf aus, wie wir die Beziehung zu unserer Umwelt und zu anderen Menschen bewerten und gestalten. Was läge also näher, als mit sich selbst in Kontakt zu sein? Es würde zwangsläufig dazu führen, dass wir nicht nur unsere eigenen Regeln kennen müssten, sondern auch ihren Wert. Und noch etwas kommt hinzu: Aus der Forschung über künstliche Intelligenz weiß man, dass Intelligenz aus 100 Milliarden Regeln besteht. Aber selbst die allein genügen nicht, um menschliche Intelligenz nachzubilden. Dafür braucht es Erfahrungen, also das, was Leben ausmacht und den Wert von Regeln verändert. Der Wert einer Regel erschließt sich meiner Meinung daraus, dass sie schön ist und einfach. Schön ist sie, wenn sie das Leben erleichtert und mich stützt, statt mich zu ihrer Dienerin zu machen. Einfach ist sie, wenn alle einen spürbaren Vorteil durch sie haben. Hier komme ich wieder einmal zum Nash-Gleichgewicht.

Etwas ist nur gut, wenn es für alle gut ist.

Das heißt auch: wenn es dem Stamm dient. Wollen wir uns selbstverständlich und konsequent entsprechend verhalten, brauchen wir Zuversicht. Wie aber entsteht die?

Zuversicht entsteht durch Vertrauen

Zuversicht ist das feste Vertrauen darin, dass sich etwas Gutes einstellen wird. Eine Erwartung, die angesichts der Ereignisse in dieser Welt keinesfalls selbstverständlich ist. Vor allem nicht, wenn sich die Dinge anders entwickeln, als geplant. Ein gutes Beispiel ist das Projekt Africa Amini Alama – Vertrauen schafft Zuversicht! – in Tansania. Schon der Name „Africa, ich glaube an dich“ ist Programm. Er spricht Vertrauen aus und Vertrauen schafft Zuversicht. Wie wahr! Eine starke Vision, voller Hoffnung. Das Projekt sollte Hilfe zur Selbsthilfe geben. Dabei sollten medizinische Unterstützung und Bildung nicht zu kurz kommen. So entstanden mit der Zeit Praxen für klassische Medizin, Zahnheilkunde, Röntgenpraxis und eine Praxis für Naturheilkunde. Es folgten ein Restaurant, eine Heimat für misshandelte Frauen, die zu Näherinnen ausgebildet wurden, eine Kooperation mit den Massaai, mehrere Schulprojekte und vieles mehr. Zu guter Letzt bekam die Organisation sogar die Zulassung für ein Hospital inklusive der Möglichkeit zu operieren.
Aus dem Ausland gab es viel engagierte, fachliche Unterstützung. Ich erinnere mich gerne an die selbstverständlichen, fachübergreifenden Diskussionen, an die Fortbildungen, die ich geben durfte; genauso wie an das Kümmern um die Patienten, das gemeinsam nach pflanzlichen Lösungen suchen. Und es gab auch viele finanzielle Spenden, wodurch das Projekt unentwegt weiter wuchs. Doch dieses Wachstum wurde jäh gebremst, denn die Regierung in Tansania beanspruchte die Kontrolle über die Spendengelder – oder das Projekt würde gestoppt werden. Anlass war ausgerechnet das Hospital. Ein Willkürakt und eine massive Störung eines seit Jahren gut laufenden, in jeder Hinsicht positiven Projektes. Doch aus der zunächst schrecklich zerstörerisch anmutenden Veränderung des Alten wurde ein viel schöneres neues Projekt Experiences with impact, weil meine spirituelle Schwester Cornelia Wallner-Frisee sich an ihre ursprüngliche Vision erinnerte und mit der Veränderung mitging, statt sich gegen sie zu wehren.


Ein Projektplan und seine Dynamik

Ganz zu Beginn des Projektes hatte sie Gesundheit unterstützen, an die Schulen gehen und den Kindern mit Gesundheitswissen unter die Arme greifen wollen. Das Projekt selbst hatte sie in eine Medizin zurückbewegt, die sie eigentlich nicht mehr machen wollte. Doch sie hatte sie in Kauf genommen, um andere Dinge zu ermöglichen, weil es notwendig für die Menschen vor Ort schien, und sie sich dafür begeistert. Nun wurde aus der schmerzhaften, von außen herbeigeführten Veränderung eine kraftvolle Wende in eine gute Richtung, denn die Mitarbeiter der Organisation arbeiten nun an der neuen alten Vision. Die Massaai-Lodge ist ein zentraler Punkt dabei. Die kleinen Firmen laufen selbstständig weiter, und so lebt das Wesentliche fort, weil die Menschen es tragen. Die Hilfe zur Selbsthilfe hat also funktioniert und ein weiteres, brückenbildendes Projekt darf erblühen.

Von der Verlässlichkeit der Veränderung

Du erinnerst dich an das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Veränderung? Die Geschichte dieses Projektes bestätigt es. Nur wenn wir uns darüber bewusst sind, dass sich alles in stetiger Veränderung befindet, sind wir in der Lage, Situationen anzunehmen und Lösungen zu finden. Widerstand würde das verhindern. Eine alte Weisheit. Eine, die für gutes Stammesbewusstsein unerlässlich ist. Zudem ist sie die Voraussetzung dafür, überhaupt einen passenden Stamm zu finden. Ich setze hier einen Gedanken fort, dem ich bereits im Blog-Beitrag „Der richtige Stamm“ nachgegangen bin. Und es gibt auch andere Stämme. Mir gefällt die Idee des Stammes der ANDEREN.

Der Stamm der ANDEREN

Würde ich alle Menschen als ANDERE definieren, könnte ein neues Spiel entstehen. Jeder wäre für ziemlich viele Menschen ein ANDERER, auch ich. Handelte ich in diesem Bewusstsein, wäre das, was ich tue, immer für mich und die ANDEREN. Ich spüre, wie mich dieser Gedanke erfüllt, beinahe begeistert. Könnte das der richtige Stamm werden? Der Stamm der ANDEREN? Je mehr ich das Wort Stammesbewusstsein auslote, desto mehr komme ich zu der Frage zurück, was einen Stamm tatsächlich ausmacht. Puzzlestücke dazu habe ich: die Regeln, der Einzelne, der Andere, die Werte, Beziehung. Und was noch?

Eine Frage der Definition

Ein Stamm definiert sich durch alle Beteiligten inklusive ihrer jeweiligen Position in der Gruppe. Es gibt keine guten oder schlechten Positionen. Jeder ist wichtig – die Personen, die sich inmitten der Gruppe wohlfühlen, genauso wie die am Rand. Die am Rand halten die Gruppe, beobachten und schaffen Raum. Die in der Mitte füllen ihn, nutzen die Beobachtungen von außen und geben Rückmeldungen. Auch die Rollenverteilungen ergeben sich aus dieser Definition fast zwangsläufig.

Es gibt die Menschen, die natürlich anführen, jene, die natürlich teilen, und jene, die mitlaufen. Keiner ist wichtiger, denn sie bedingen einander und ergeben das ganze Bild, formen gemeinsam den Stamm.

Es so zu bewerten, wäre unbedingt eine lebenswerte Regel, weil die angelegten Fähigkeiten jeder Person willkommen wären. Weil sich der Stamm als ganzer Organismus fühlte. Weil auch die Anführer Teil des ganzen Organismus wären, die nicht abgetrennt von oben regieren.

Führung und Freiheitsgrade

Führung, Umgebung und Freiheitsgrad wirken immer, auch in einem Stamm. In meiner Vorstellung von einer guten Zukunft müssten Anführer Verantwortung übernehmen, sie müssten zuhören, unbequem sein können und mit dem Stamm und der Umgebung verbunden sein. Sie würden fürsorglich denken und handeln. Bei aller Herausforderung müssten sie Vertrauen und Zuversicht ausstrahlen – auch in den Stamm hinein. Ganz schön viel. Umgekehrt wüsste jedes Stammesmitglied, dass die eigene Freiheit dort endet, wo die des Anderen beginnt. Würde jeder einen Beitrag leisten? Ganz sicher. Jeder müsste zugleich seine Verbindung zu seiner Umgebung und in die Natur pflegen. Anspruchsvoll? Ja, aber ich traue es uns zu, denn meiner Erfahrung nach sind es oftmals unsere eigenen Beschränkungen, die dafür sorgen, dass wir uns mit großen Themen schwertun. Ich lade dich ein, dich nicht von den Zweifeln einfangen zu lassen, sondern einfach mitzugehen und zu schauen, was sich dadurch eröffnet. Ja, ein Stamm kann schwierig sein und die Vision von ihm herausfordernd. Doch letztlich läuft es immer wieder auf denselben Wert hinaus: gemeinsam divergent zu denken.

Gemeinsam divergent denken

Divergentes Denken meint ein abweichendes Denken. Es beinhaltet, offen, frei, flexibel und kreativ verschiedene Lösungen in Betracht zu ziehen, ohne von Beginn an Grenzen bzw. Kategorien wie Richtig und Falsch zugrunde zu legen. Wenn sich bei meiner Idee vom Stamm der Gedanke eines gemeinsamen divergenten Denkens in den Vordergrund drängt, wird zugleich eine Grundbedingung sichtbar, denn dafür braucht es Toleranz. Auch unsere Fähigkeit, etwas zu erdulden, wird von Nöten sein. Vor allem aber braucht es Respekt, vor und wegen der Unterschiedlichkeit aller Beteiligten. Sie wird uns wachhalten.
Wie gesagt, in meiner perfekten Welt gäbe es nur wenige Regeln: solche, auf die sich alle einlassen und an die sich alle halten. Weil die Regeln einfach und schön genug sind, und weil man sie gemeinsam findet. Das wäre vermutlich der langwierigste Prozess, denn jeder dürfte sprechen und jeder würde gehört. Jeder dürfte ausreden und das wesentliche, gemeinsame Ziel läge in der Erhaltung des Miteinanders als Grundvoraussetzung für den Stamm. Das wäre die allererste lebenswerte Regel. Im Ergebnis wäre auch der Divergenzbegriff neu gefüllt: Ich denke, ich denke mich, ich denke den Anderen und bin Teil der Gruppe.
Bist du interessiert oder treibt es dich an die Grenzen deiner Vorstellungskraft? Kannst du sie sprengen? Welche Ideen entwickelst du, wenn du diesem Divergenzbegriff folgst und dich auf das dazugehörige Stammesbewusstsein einlässt? Ich bin gespannt.

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