Erinnerungen an die Zukunft

Bildauswahl durch Kamphausen

Inhaltsverzeichnis

Das leise „Ping“ meines Smartphones lenkt mich von meinem Text ab. Nur kurz, so scheint es zumindest. Die Störung meines Schreibprozesses lässt mich kurz innehalten, und noch während ich denke: „Oh nein, Stummschaltung vergessen“, erhascht mein Blick einen wundervollen Moment. Ein kurzes Video auf meinem Smartphone. Das kleine Mädchen in dem Video bewegt sich selbstverständlich wie eine Dirigentin. Ob die hinterlegte Musik wirklich gelaufen ist, kann ich nicht beurteilen. Sie passt in jedem Fall zu ihren Bewegungen. Oder ist es umgekehrt? Passen die Bewegungen zu der Musik? Was lässt mich so gebannt auf dieses Mädchen schauen, die mit geschlossenen Augen dirigiert? Sie ist wunderschön. Bewegt sich viel erwachsener, anmutiger, als es für ihr Alter üblich wäre. Kindliche Unschuld zieht mich in ihren Bann. Und in mir formt sich die Frage: Woran erinnert sie sich? Irgendwie wirkt sie, als schwelge sie einer wundervollen Erinnerung.Sehnsucht nach Zukunft

Sehnsucht nach Zukunft

Ich kann nicht anders, als diesen Satz zu verfolgen. Ist es ihre Selbstversunkenheit oder ihre Selbstvergessenheit, mit der sie den Moment lebt, der mich unmittelbar mit Freude und Staunen erfüllt? Sie trifft auf meine Sehnsucht, eine Zukunft zu erschaffen, die genau so sein soll. Schön, intensiv, lebendig – und vor allem selbstverständlich. Vergessen ist mein Text, vergessen das, was jetzt terminlich drückt. Präsent ist nur der dringliche Moment, der mich an das Wesentliche erinnert: aus der Gegenwart Zukunft schaffen.

Zukunft erschaffen – ganz selbstverständlich


Was wäre, wenn die Zukunft eine Erinnerung wäre? Welche Momente würde ich sammeln und zu einem großen Bild zusammenfügen?

Welch großartiges Motiv, aus Schönem etwas Neues zu erschaffen.

Noch während ich weiterträume, ertappe ich mich, wie mein Blick in die Ferne schweift. Zum Horizont, als läge die Zukunft dort hinten. Zumindest kann ich zu diesem Zeitpunkt den Silberstreifen erkennen.

Und dann beginnen sie, meine Erinnerungen an die Zukunft.

Die Macht der Perspektive

Ich erinnere mich an den Film von Claudia Nye: „Covid, Tango and The Lagom Way“.  Er beginnt mit dem Satz: „Seit Monaten tanze ich Tango mit meiner Heizung.“ Die Suche nach Kontakt – davon lebt der argentinische Tango. Im Moment ist es eine Suche ohne Antwort.

Ein wenig traurig schaue ich auf den Text, der unter diesem Kunstwerk steht: „Aktuelle, wissenschaftliche Informationen finden Sie bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.“ Und direkt darunter: „Weitere Informationen zu den Fortschritten bei der Impfstoffentwicklung vom Bundesministerium für Gesundheit.“

In mir bildet sich Widerstand. Darum geht es doch gar nicht in diesem Film. Es geht um die Rettung der Kunst, des Hoffens, der Kinder, um die Rettung des gemeinsamen Denkens statt des gemeinsamen Fürchtens. Kollektives Bewusstsein kann auch im Angesicht einer Pandemie konstruktiv erschaffen und sich über den Notstand in einen Zustand bringen, der eine Perspektive bietet. Eine, die später kommt. Und genau darum geht es doch, dass wir eine Perspektive haben, eine Aussicht auf ein Ende. Ohne diese Aussicht ist eine Krise unerträglich.

Auch wenn sich die Dinge in Schweden inzwischen anders entwickelt haben, als es zum Zeitpunkt der Dokumentation aussah – es geht um den Spirit. Um den Mut, nach vorne zu schauen und etwas zu wagen und zu benennen. Es geht auch darum, weiterzumachen mit dem Leben und dem, was es ausmacht. Daran erinnert mich dieser Film, und deswegen möchte ich ihn mitnehmen in die Zukunft.

Tango und die Pandemie

Wie gerne würde ich auf eine Milonga gehen. Undenkbar. Ich tanze weiterhin Tango mit der Pandemie – ein vertrautes Gefühl. Und dann merke ich: Irgendwie ist es wie Tango tanzen mit der Zukunft und mit meinen Erinnerungen. Argentinischer Tango, der Tango, wo es nur ums Fühlen, Führen und Mitgehen geht. Der, wo es weder Absprachen braucht noch komplexe Choreografien. Der, wo man sich begegnet, mit dem, was gerade da ist. Mir fallen andere Tangos ein, Improvisationen, Workshops und die Sehnsucht, die mit diesem Tanz verbunden ist. Einfach so sein können, wie man ist, voller Hingabe. Eine gute Erinnerung an die Zukunft. Auch die nehme ich mit.

Mir gehen die kreativen Prozesse mit Ignasi Blanch durch den Kopf und ich weiß, dass ich sie dabeihaben will. Auch sie fühlen sich an wie eine Erinnerung an die Zukunft. Mir fällt unsere „Violetta und der Storch“-Geschichte ein.  Violettas Sehnsüchte nach Realität erwachen bei ihrem Tanz mit Leonardo.

Was wir vom argentinischen Tango lernen können

Die Regeln des argentinischen Tangos sind genau die, die wir brauchen, um uns zu bewegen und zu verändern. Ganz egal, was mit der Pandemie gerade passiert oder in Zukunft geschehen wird. Es geht darum, nur das Notwendige zu tun, und das konsequent. Wir tanzen langsam, vorsichtig, lauschend, immer in der Aufmerksamkeit für die größere Gemeinschaft und unter Einsatz von Vertrauen unserem Partner gegenüber.

Wie wäre es, wenn wir auf Abstand so miteinander umgingen? Welche Zukunft könnte sich daraus entwickeln? Wie wäre es, wenn wir als Gemeinschaft unentwegt diesem Tanz folgten und so unmerklich, ganz nebenbei, die Perspektive erschaffen würden, nach der wir uns alle sehnen? Ich möchte diese neuen Werkzeuge gleich anwenden.

Werkzeug für das neue Narrativ – Erinnerung an die Zukunft

Als ich begonnen habe, diesen Text zu schreiben, war nur dieser Satz da: Erinnerungen an die Zukunft. Ich tanzte mit ihm, langsam, vorsichtig und wusste nur, dass er mich anzog. Je mehr ich mich ihm annäherte, desto schillernder wurde er und ich vertraute darauf, dass er ein guter Partner sein würde, dieser Satz. Er führt mich dahin, dass ich eine Zukunft habe. Dahin, dass ich eine Zukunft erschaffen kann und sie schön sein kann. Daraus folgte eine Erinnerung an den ersten Blog aus dieser Reihe. Zu dem damaligen Zeitpunkt war mir klar, dass ich vollkommen neue Wege gehen muss, um ein neues Narrativ zu erschaffen. Ich würde etwas hergeben müssen, nämlich all die Daten, die meine Zukunft verhindern.

Nur, offensichtlich kann der menschliche Geist nur schwer vollkommen aus dem Nichts etwas erschaffen. Und wie sehr würden alte Erfahrungen diese neuen Elemente färben? Um das so gering wie möglich zu halten, müsste ich neue Bedeutungsrahmen entstehen lassen und mir bei jedem Schritt über die ersten 90 Sekunden bewusst sein. Jene Zeitspanne, in der mein Gehirn bei allem Neuen einen Botenstoffcocktail für Gefahr zur Verfügung stellt – zu meinem Schutz. Dabei habe ich den Blick auf die größere Gemeinschaft und erkenne: An diesem evolutionären Rest komme ich nicht vorbei.

Kann ich wirklich eine Zukunft erinnern?

Das scheint unmöglich. Mir fällt meine Frage vom letzten Mal ein: „Was, wenn es [doch] möglich wäre?“ Dann müsste ich einen Teil meiner Gegenwart mitnehmen, und zwar den, der mich erfüllt und hoffen lässt. Und dann tanzt mein Satzpartner mit mir, fordert mich auf, den Erinnerungen an die Zukunft zu folgen.

Wir können nicht sofort in den „Fix it-Modus“ gehen

Es gibt keinen Geheimgang, keine magische Wand, die sich wendet, wenn wir nur inspiriert und zuversichtlich und hoffnungsvoll genug sind.

Der einzige Weg ins Danach führt durch das Tal der Tränen. Doch für diese unvermeidliche Reise müssen wir uns unserer verkümmerten Fähigkeit zu trauern zuwenden. Mehr noch, wir müssen uns ihr hingeben. Vor einiger Zeit hörte ich einen Podcast, in dem Joachim Kamphausen gefragt wurde, was die Welt seiner Meinung nach bräuchte. Ohne zu zögern antwortete er: Hingabe. Ja, dachte ich, genau! Hingabe ist das Gegenstück zur Hoffnung, nicht die Hoffnungslosigkeit, die Hingabe ist es! Das bedeutet auch, sich dem hinzuwenden, was ist und vor allem, was uns hierhin geführt hat.
Es wurde hinlänglich darüber geschrieben, wie es zu der Ausbreitung des Virus und den verheerenden Auswirkungen gekommen ist, dazu möchte ich auch gar nichts mehr sagen. Fest steht, wir haben uns als Menschheit selbst in diese Sackgasse geführt, in der wir uns jetzt befinden. Einen Weg zurück in die Normalität kann es daher auch bitte nicht gebe, denn normal war auch vor Corona schon lange nichts mehr. Darüber sind sich viele einig. Nur, die Erkenntnis allein reicht nicht aus. Wir dürfen nicht sofort in den „Fix it"-Modus gehen, den wir uns in unserer westlichen Kultur zu eigen gemacht haben. In dem Moment, wo jemand ein Problem anspricht, denken wir schon über die Lösung nach. Das ist gut gemeint, aber verhindert, dass wir an den Kern der Dinge kommen: An unsere Trauer.
Nur Trauer ist in der Lage, wirklich und in der Tiefe zu transformieren. Sie versetzt uns in die Lage, Schatzkarten als solche überhaupt erst zu identifizieren und zu entziffern. Sie lässt uns hören, was andere nicht hören können. Sie lässt uns unser persönliches Signal aus unserer gemeinsamen Quelle empfangen, das uns den Weg weist. Sie lässt uns lernen und wachsen – wenn wir es zulassen. Der Haken: Damit wir aus der Trauer lernen können, müssen wir erst wieder lernen zu trauern. Vielen von uns wurde diese Fähigkeit jedoch aberzogen oder gar nicht erst mehr vorgelebt. Sie ist verkümmert. Und langsam, aber sicher scheint sie auszusterben. Wie die Seesterne.

Inspiration, die sich aus positivem Denken speist, hat eine geringe Halbwertszeit

Ich habe diesen Blog im Sommer 2020 ins Leben gerufen, weil ich an die Kraft der Sensitivität glaube. Nicht alle hochsensiblen Menschen haben die gleichen Fähigkeiten, und ich bin schon lange auf der Suche nach einem Wort, die die Sensitivität der Menschen, die in den vergangenen Monaten auf dieser Plattform ihre Geschichte geteilt haben, noch treffender beschreibt als der Sammelbegriff der Hochsensibilität. Eine Freundin schenkte mir gestern den Begriff der „hochintuitiven Menschen“, und ich ging mit diesem Begriff sofort in Resonanz. Ja, dachte ich, dass sind die „Seesterne“, die ich meine, die Schlüsselspezies, die wir brauchen, damit wir uns in diesem Labyrinth aus Wut, Angst, Depressionen und passiver Hoffnung nicht endgültig verlaufen. Sie können die anderen von uns lehren, wie man trauert, denn dafür braucht es eine tiefe Intuition für die Welt, wie sie ist – und nicht nur dafür, wie sie sein sollte.
Alle Erzählungen, denen ich in den vergangenen Monaten lauschen durfte und für diesen Blog aufgeschrieben habe, sind keine Erfolgsgeschichten, die mit der bloßen Hilfe von Inspiration, Reframing oder Hoffnung allein geschrieben wurden. Denn Inspiration, die sich allein aus positivem Denken speist, hat eine geringe Halbwertszeit. Allen Geschichten ist vielmehr gemein, dass die Erzählerinnen zunächst tiefe Trauerprozesse durchgemacht haben – manchmal um einen geliebten Menschen, manchmal um die Natur, manchmal um den drohenden Verlust der eigenen Identität. Sie hatten nicht nur den Mut, sich ihrer Trauer zu stellen, sondern auch die Courage, anderen davon erzählen.
Ich selbst habe mein Leben lang immer wieder unter Depressionen gelitten. Bis mein Vater starb. Dass er mir in der physischen Welt genommen wurde, ist heute mein wertvollster Besitz. Ich habe wieder gelernt zu trauern. Aber dafür brauchte es Zeit. Und Stille, um dem heiligen Rhythmus wahrzunehmen, dessen Spur mich nach Kanada führte.
So viele Menschen sehnen sich dieser Tage nach „laut“ zurück. Ich nicht. Und deswegen gehe ich vorübergehend in den Blogdown. Ich feile an einer Idee, wie ich die Themen Trauer und Hochsensibilität miteinander verbinden kann. Vielleicht als eine Art Limited Edition auf diesem Blog: „What’s your Story? Trauer neu erzählt.“ In jedem Fall plädiere ich dafür, dass wir uns mehr Trauergeschichten erzählen. Das klingt zunächst kontraintuitiv – noch mehr traurige Geschichten in einer traurigen Zeit? Ich möchte mit einer zweiten kurzen Exkursion in die Natur abschließen, auf die mich Stephen Jenkinson gebracht hat. Diesmal geht es unter die Erde.

Wenn du schon mal einen Samen gepflanzt hast, ist dir aufgefallen, dass fast jeder Samen auf die ein oder andere Weise aussieht wie ein Herz? In der Regel haben sogar die ganz kleinen eine Naht in der Mitte. Das ist der Ort, an dem sie brechen, nachdem wir sie in einem dunklen Loch in der feuchten Erde vergraben haben. Wenn der Samen bricht, beginnt sich ein grüner Faden zu lösen, wie die Feder einer kaputten Uhr, und er wendet seinen gehorsamen Weg zunächst hinunter ins Dunkle, und dann hoch in Richtung Oberfläche und in die Richtung des Lichts.
Das ist, was ich meine. Wahre Inspiration speist sich aus erlebter Verletzlichkeit, aus gebrochenen Herzen, und wahre Transformation geschieht in der „dunklen Nacht der Seele“, wie sie in dem archetypischen Erzählmuster der Heldenreise beschrieben wird. Und dabei möchte ich es für den Moment belassen, auch wenn es noch so viel zu sagen gäbe. Ich möchte erst noch ein bisschen lauschen, um meinen individuellen Beat zu finden, der mich aus der Zwischenwelt hinausträgt – und die Magie der Trauer wird mir dabei helfen. Auch ohne offiziell verordnete Osterruhe „von oben“. Wir alle haben die Wahl, uns gegen das Grundrauschen aus Wut, Verzweiflung und Besserwisserei und für die Stille zu entscheiden. Aus der Tiefe des Innern heraus. Denn wenn wir nahtlos zum nächsten Lied wechseln, kann es passieren, dass wir doch bloß wieder die gleiche Platte auflegen.

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