Ein perfekter Stamm und die Sache mit der Wahrheit

Nachdem mich in den letzten Blogs das Thema Stamm in allen Varianten beschäftigt hat, soll es heute um optimale Gruppengrößen und den Wahrheitsbegriff gehen. Für eine positive Zukunft sind beide Elemente unverzichtbar. Und weitere Fragen kommen hinzu: Ab wann beginnen Gruppenphänomene? Auf welche müssen wir besonders achten, wenn wir eine positive Zukunft gestalten wollen?


Wesentliche Fragen

Alle Fragen, die ich dir in den letzten Blogs gestellt habe, sind wichtig. Zusammen mit denen, die wir uns heute anschauen wollen, werden sie zu Antworten führen, die in ihrer Gesamtheit ein großes Bild ergeben. Ein Bild, das die Zukunft beeinflusst. Nähern wir uns zunächst der Frage nach der Gruppengröße. Dafür gibt es tatsächlich Zahlen, an denen man sich orientieren kann. Wenn man weiß, wie viele Menschen für eine optimale Gruppengestaltung in verschiedenen Bereichen notwendig sind, dann weiß man auch die richtige Stammesgröße. In der Tat ist es so, dass es verschiedene perfekte Zahlen gibt, und die beziehen sich immer auf das, was gerade gebraucht wird. Also beginne ich mit der kleinsten Größe.Der kleine Mensch steht bei seinem sehr großen, schlaksigen Vater. Dessen Knie haben für das Kind genau die richtige Höhe, um den Kopf dazwischen abzulegen und sich in Sicherheit zu bringen. Das kleine Wesen beobachtet, wie mein Begleiter und ich auf es zukommen. Sein Kopf taucht immer wieder kurz zwischen den Knien ab, um dann strahlend wieder aufzutauchen. Gleichzeitig stabil zu stehen, zu winken und sich seiner Umgebung zu versichern, ist eine koordinative Herausforderung. Helles Lachen. Dann Stille. Je näher wir kommen, desto regloser wird das Kind. Intensiver Blickkontakt. Dann ein Winken. Ich winke zurück. Beim dritten Winken stehen wir mit etwas Abstand voreinander. Aus irgendeinem Grund hält das Kind den Kontakt ausschließlich zu mir. Intensive Kommunikation. Nonverbal.

Die Zahl 2

Für die kleinste Art einer Gruppe braucht es 2 Menschen. Sie erlaubt die intensivste Form in einer Beziehung: du und ich. Sehr emotional. Intensiv. Hoher Zeitfaktor. Und hohe Sinngebung, denn dafür brauchen wir Beziehungen. Intensive Beziehungen sorgen tatsächlich dafür, dass wir einen Sinn in unserem Leben empfinden. Der Nachteil: Wenn eine der beiden Personen wegbricht, sind wir allein, und das hat Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Sinn im Leben.

Die Zahl 3

Die 3 beschreibt eine stabile Form. Dreiecke gelten nicht umsonst als perfekte Konstellation. In Beziehungen sind 3 oft einer zu viel. Aber 3 Freunde können eine ganze Firma aufbauen und gestalten. Das geht zwar auch allein oder zu zweit, aber zu dritt ist die Verteilung der Aufgaben optimaler. Auch Eltern und Kind bilden eine Dreiergruppe, die herausfordernd sein kann. Disharmonie bringt die stabile Form ins Wanken. Dennoch ermöglicht eine Konstellation aus 3 Menschen leichter, Harmonie herzustellen, als wenn es um mehr Menschen geht. Zum ersten Mal ist Parteibildung möglich – die erste Stammeserfahrung mit mehr Kraft. Sinngebung ist nicht mehr nur auf eine Person beschränkt.

Die Zahl 9

9 Menschen sind eine perfekte Zahl, um alles Mögliche gestalten zu können. Wie ich darauf komme? Nun, eine Forschergruppe beobachtete 6 Jahre lang eine Gruppe von Menschen, die sich für den Schutz der Pandabären einsetzten. Ihre Erkenntnis: Menschen arbeiten am besten zusammen, wenn die Gruppe weder zu klein noch zu groß ist. Den Beobachtungen nach war 9 die perfekte Gruppengröße. Die Studie erschien am 18.6.2013 in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ und lautete „Nonlinear effects of group size on collective action and resource outcomes“. Das internationale Forscherteam um Wu Yang (Michigan State University) und Wei Lu (Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg bei Wien) wurde durch die Arbeit von Elinor Ostrom inspiriert, die dafür 2009 den Wirtschafts-Nobelpreis bekam. Sie ging davon aus, dass Menschen Gemeingüter wie Weideland, Fischgründe oder Wälder sinnvoll und nachhaltig nutzen können, ohne dafür eine ordnende Hand durch den Staat zu brauchen. Sie zeigte das an vielen Beispielen in ihrem Buch „Governing the Commons“, das bereits 1990 veröffentlicht wurde.

Es geht auch ohne

Ich finde es sehr befreiend, wenn es eine Möglichkeit gibt, ohne das Diktat von oben festgelegter Regeln eine funktionierende Gruppe zu erschaffen. Damit das möglich ist, darf die Gruppe nicht zu groß sein. Der Trick mit der Zahl 9 ist, dass die Gruppengröße vielfältig genug ist, um alle Bereiche abdecken zu können. Gleichzeitig werden wenig Trittbrettfahrer begünstigt – also Personen, die nicht viel zur Gruppe beitragen, aber sich von der Gruppe gerne tragen lassen. Bei einer 9-Personen-Gruppe bringt sich jeder ein und muss es auch. Passivität würde sofort unangenehm auffallen. Zusätzlich erlauben die verschiedenen Möglichkeiten und Konstellationen einen Blick auf eine Wirklichkeit, der relativ breit angelegt ist. Jede Person erweitert den Wirkungskreis, weil sie vermutlich auch wieder ein eigenes Netzwerk hat, das sie in Form sozialer Kontakte pflegt. So wird die tatsächlich wirksame Zahl größer. Ich wage an dieser Stelle die Frage: Was wäre, wenn die Mitglieder dieser Gruppe auch noch Freunde wären? Meine Antwort: Dann könnte die gemeinsame Arbeit (noch) intensiver werden. Erfolg und Misserfolg würden gemeinsam getragen und jeder könnte seine besonderen Fähigkeiten zum Einsatz bringen. Klingt spannend. Doch weiter geht es. Ich nähere mich der nächstgrößeren Zahl.

Die Zahl 150

Der Anthropologe und Psychologe Robin Dunbar limitierte unsere Fähigkeit, stabile soziale Kontakte zu pflegen, auf 150. Auch der Mathematiker Bruno Gonçalves kommt in seiner Studie 1105.5170v2.pdf (arxiv.org) zu ähnlichen Zahlen, und in der Geschichte der Menschheit findet sich diese Zahl wiederholt. Jungsteinzeitliche Bauerndörfer bestanden aus etwa 150 Bewohnern. Auch die Grundgröße der römischen Armee war 150. Diese Zahl wird mit optimalem Funktionieren verbunden, denn die Wahrscheinlichkeit, alle Aufgaben abdecken zu können und damit das Überleben der Gruppe zu sichern, ist groß. Es sprechen also einige Fakten dafür, dass diese Größe sinnvoll ist. In einer Welt ohne soziale Medien könnte diese Zahl tatsächlich eine echte Limitierung im Sinne der Machbarkeit darstellen.

Die Zahl 520

Der Forscher Prof. Patrik Lindenfors konzentriert sich hauptsächlich auf die Möglichkeit, Denkweisen und Methoden aus der Evolutionsbiologie zu übernehmen, um gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen zu verstehen. Seiner Meinung nach unterscheiden sich die sozialen Kontakte von Menschen extrem und reichen von 2 bis 520 Kontakten. Bei 520 indes wird es für den Einzelnen schwer, die jeweiligen Eigenheiten des Anderen genau zu kennen und auch das Wissen darüber jederzeit vollständig zur Verfügung zu haben.

Die Zahl 1500

Laut Bruno Gonçalves stößt unser Gedächtnis bei 1.500 Personen an seine Grenzen. Also können auch die Kontakte in den sozialen Medien nicht ungehindert sinnvoll wachsen. Um eine Beziehung pflegen zu können, ist es erforderlich, dass man Eigenheiten, Vorlieben, Abneigungen, Namen und andere Merkmale einer Person kennt. Vielfalt erfordert Ressourcen. Dazu schreibt Gonçalves: „Soziale Netzwerke erlauben uns, sämtlichen Bekanntschaften nachzugehen und mit ihnen zu interagieren. Dennoch können sie nicht verhindern, dass unsere biologischen und physischen Grenzen nur eine begrenzte Anzahl sozialer Beziehungen erlauben.“

Die perfekte Zahl und ihre Wirkung auf die Wahrheit

Mit Blick auf die vorigen Zahlen erscheinen mir 150 Menschen für einen Stamm am sinnvollsten. Wir brauchen die Perspektive anderer Menschen, um mehr als nur eine Facette der Wahrheit ergründen zu können. Dabei fällt mir noch eine Zahl ein, die des Biophysikers Dr. Johan Boswinkel. Der glaubt, die Wahrheit habe 144 Seiten, also Blickwinkel. Auch eine interessante Idee, der ich gut folgen kann, denn mir ist bewusst, dass das vollständige Bild mehr als die Summe seiner Teile ist. Der Blick in einem kleinen Umfeld sucht in der Regel eher die Bestätigung der eigenen, vorgefassten Meinung. Je mehr Menschen aber auf ihre Art hinschauen, desto vollständiger kann das Bild werden. Mit den 150 Ausschnitten der Wirklichkeit aus Menschen unseres Stammes könnten wir also selbstverständlich einer vollständigeren Wahrheit näherkommen. Und: Ein solcher Austausch mit 150 Menschen wäre beispielsweise über soziale Plattformen durchaus einfach.

Nachteil Algorithmus

Leider sind die Algorithmen in den sozialen Medien so gestaltet, dass wir nur Meinungen angeboten bekommen, die unseren ähneln. Auf diese Weise nimmt die Vielfalt immer weiter ab und die Wahrheit wird reduziert. Ich finde das schade. Ein aus dieser Sicht besserer Algorithmus entstände durch die Angebote aus einer divergent denkenden Gruppe. Dazu müsste jeder Nutzer diesen Austausch allerdings auch aushalten, unvernünftige Ansichten eingeschlossen. Angesichts von Bots & Co., der vielen Shitstorms und der häufig niedrigen Reizschwelle vieler Menschen, die in den sozialen Medien aktiv sind, klingt das durchaus herausfordernd. Doch lass uns positiv denken, denn die eigentliche Idee ist verlockend schön. Könnten wir so nicht eine gemeinsame Wirklichkeit erschaffen, die vielfältig genug wäre? Vielleicht.

Vermutlich wäre es notwendig, sich auf irgendetwas zu einigen, was diese Menschen als Gruppe deklariert. Günstigstenfalls wäre das ein gemeinsamer Sinn – beispielsweise der Respekt vor Vielfalt oder das Wissen, dass andere Meinungen immer wertvoll sind, weil sie neue Impulse setzen. Damit könnte in den sozialen Medien ein Bewusstseinssprung entstehen, der auch andere Wertmaßstäbe erzeugt. Bewusstseinssprung. Noch so ein spannender Gedanke, den ich ein anderes Mal weiterverfolgen möchte. Lass uns hier weiter auf das Thema Sinngebung in einer Gruppe schauen, die sich als Gruppenmerkmal geradezu aufdrängt.

Von der Wahrheit zum Sinn

Wenn in einer Gruppe aus 150 Menschen mehr Wahrheitsempfinden entstehen kann, dann muss das prinzipiell eigentlich für jede Gruppengröße gelten. Nur die Streubreite ist geringer, wenn die Gruppe kleiner ist. Vielleicht geht es beim perfekten Stamm tatsächlich sogar viel weniger um die Größe als um diese gemeinsame Wahrheit – oder eben um den Sinn, dem er folgt? Was aber stellt einen Sinn dar? Die Rettung der Pandabären, die Rettung der Ozeane – allesamt klar definierte Ziele mit hohem Sinn. Doch was ist mit den Menschen, die sich diesen großen Themen nicht verpflichten wollen?

Früher dachte ich, Sinn läge in der Qualität dessen, was ich tue. Heute denke ich, es geht vor allem um den Kontakt zu den Menschen und darum, dass wir verbunden sind. Was sagt die Forschung zur Sinnfrage? Viele Studien zeigen: Sinnstiftend ist, anderen zu helfen. Es bereichert das Wohlgefühl und macht gesund. Wenn also Helfen Sinn ergibt, wäre das doch ein fantastisches, natürliches Werkzeug, um eine Gruppe funktionieren zu lassen. Übertrage ich das auf die Familie, die Arbeit und das Leben mit Freunden, dann ergibt alles Tun einen Sinn, sofern wir dabei füreinander da sind. Wie einfach das wäre! Jede Tätigkeit böte einen Mehrwert. Einen, der den Stamm voranbringt, unabhängig von seiner Größe.

Gemeinsam einsam

Du merkst, wie ich mit den Begriffen von Stamm, Wahrheit und Sinn immer wieder tanze. Oder tanze ich um sie herum? Wenn ich mir anschaue, dass sich viele Menschen auch in Gruppen einsam fühlen, dann stelle ich mir die Frage, ob sie einsam sind, weil ihnen der Sinn fehlt, oder ob die Einsamkeit sie in Kontakt mit ihrem sinnlosen Tun bringt. Eine weitere Möglichkeit ist, dass ihr Gefühl von Isolation jedem Tun den Sinn nimmt. Fest steht: Je weniger Sinn, desto mehr Einsamkeit und desto mehr Leere. Denn Einsamkeit ist immer der Ausdruck des Gefühls, abgetrennt zu sein. Hier komme ich zu einem Problem von Stammesbewusstsein, denn der Stamm allein macht es nicht.

Auf die Verbindung kommt es an

Es geht darum, wie wir mit dem Stamm verbunden sind. Stimmt der Kontakt zum Stamm nicht mehr, bekommen andere Gruppendynamiken viel mehr Kraft. Dazu gehören Ausgrenzung, sich falsch fühlen, blindes Befolgen von Regeln, Widerstand, Passivität oder Verurteilung von Andersartigkeit. Besteht eine Verbindung in den Stamm hinein, erlaubt sie uns, Informationen anders zu filtern. Das entspricht unserer biologischen Ausstattung. Fehlt diese Verbindung, sind wir viel offener für Feindbilder, denn diese geben immer einen Sinn und beenden die Leere, die Isolation. Für eine bessere Zukunft muss unsere Aufmerksamkeit also in Richtung Stammesverbindung gehen – in den Kontakt. Das habe ich vor allem in meinem letzten Blog, Hallo Welt, beschrieben.

Eines wird immer klarer: Über der Frage nach dem perfekten Stamm und seiner Größe steht zweifellos die Suche nach Sinn und Inhalt für unser Leben. Eine, die über Feindbilder hinausgeht. Eine, die sich mit unseren eigenen Definitionen unserer Werte beschäftigt. Werte, wie ich sie in vorherigen Blogs schon benannt habe: Vertrauen, Loyalität, Respekt, Ehre, Anstand, Fürsorglichkeit, Umsicht, Miteinander, Kommunikation, Verantwortung, Regeln, Menschlichkeit, Divergenz – und nicht zu vergessen das Bewusstsein.

Große Worte, wesentliche Werte. Sie alle können nur leben, wenn du sie füllst – mit deinen Inhalten. Deswegen schließe ich heute mit der Frage: Welche Werte sind dir wichtig und wie findest du zu deiner Wahrheit? Und welche optimale Größe hätte dein Stamm?

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