Der richtige Stamm

Freitagabend im ICE nach Frankfurt. Es ist leer hier. Einerseits genieße ich den Raum, andererseits fände ich es schön, mit jemandem zu sprechen. Was will ich denn nun? Eine Entscheidung ist gefragt, und es soll die richtige sein. Als Kind und als Jugendliche fand ich es immer schwer, mich zu entscheiden. Eine Welt, die so groß ist und so viele Möglichkeiten bietet, ist gut geeignet, sich darin zu verlieren und Fehler zu machen. Das empfand ich, obwohl ich längst eine geheime Absicht verfolgte – nämlich die, Menschen zu berühren, in jeglicher Weise, und das Leben zu ehren.

Gefühle und Physik

Etwas ehren – ich lasse den Klang der Worte auf mich wirken und merke, wie sie mich in Schwingung versetzen. Es fühlt sich feierlich an. Noch während ich mich diesem Gefühl hingebe, fällt mir ein, dass diese Art der Berührung durch Worte auch einem physikalischen Prinzip entspricht: dem Prinzip der Schwingung. Schwingung lässt Sympathie und Antipathie entstehen. Verstärkung oder Abstoßung – je nachdem, wie die Schwingung ausfällt. So einfach. Und das kann man sogar messen. Manchmal finde ich es beruhigend, wenn Gefühltes und Messbares zusammenpassen. Worte wirken nicht nur hirnorganisch, sondern sie erzeugen eine vollkommen veränderte Biochemie. Was für mich allein gilt, gilt für eine Gruppe umso mehr. Eine Gruppe, ein Stamm, schafft ein starkes, gemeinsames Feld. Ein Feld, das aus gemeinsamer Schwingung entsteht und lebt.

Gemeinsame Werte

Ehren, mein Schwingungsauslöser, ist ein starkes Wort. Kein Wunder, dass es mich so intensiv schwingen lässt. Genauso wie ein weiterer Begriff: Ansehen. Tatsächlich sind gerade diese beiden Worte per se feste Bestandteile einer Gruppe oder eines Stammes. Sie definieren ihn geradezu. Ja. Jetzt gerade wäre ich gerne mit meinem Stamm auf Reisen. Wir würden über die mehrstündige Verspätung lachen, uns Geschichten erzählen oder einfach nur in der Gewissheit zusammensitzen, dass keiner von uns allein ist. So könnte es in einem guten Stamm aussehen. Mein perfekter Stamm würde sich darauf einigen, sich auf das Miteinander zu konzentrieren. Jeder dürfte so sein, wie er ist, und jeder würde beitragen, dass es dem Stamm gut geht. Einfach weil jeder wüsste, dass der Stamm ihn stärker macht.


Ein Stamm macht stärker

Dieses Gefühl habe ich sehr eindrücklich in Tansania erlebt. Dort unterstützte ich für eine Weile ein medizinisches Projekt – Africa Amini Alama. Dabei erlangte ich einen Blick auf die Zugehörigkeit zu Stämmen, der mein Leben stark beeinflusst hat, es noch tut. In Tansania habe ich gelernt, dass man nur in der Gruppe große Stärke entwickelt. Und dass man deswegen eine Gruppe braucht. Bis dahin war meine Bestreben immer darauf ausgerichtet gewesen, mich ausschließlich auf mich selbst zu verlassen. Das hat sich verändert, und inzwischen finde ich beide Qualitäten bedeutsam und pflegenswert. Also eine gute Veränderung, eine, für die ich dankbar bin. Ich höre noch, wie mir mein tansanischer Freund Remdulla auf dem Weg zum Flughafen erklärte, dass er allein niemals so stark sein könne wie mit seinem Stamm. Als Massai ist er unter strengen Regeln aufgewachsen. Trotzdem hat er es geschafft, sich zu verändern, ohne ganz mit seinem Stamm zu brechen. Das beeindruckt mich. Können wir hier etwas lernen?

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Gruppenzwang und Gruppenverhalten

In Tansania habe ich auch gelernt, dass man eine Gruppe wie die Familie oder den Stamm wenn, dann nur langfristig und gut vorbereitet verlassen kann. Weil man sich darauf vorbereiten muss, allein zurechtzukommen, und zwar buchstäblich allein. Zehn Jahre Planung sind dabei kein Zeitraum. Ich kann die Ängste und den erforderlichen Mut der Betroffenen noch immer fühlen. Schlussendlich lernen wir, uns in einer Gruppe auf eine bestimmte Art zu verhalten. Wie aber verhalten wir uns, wenn wir keine Verbindung in eine Gruppe fühlen? Nun, dann lernen wir etwas anderes. Mir fällt der Film über Nelson Mandela ein, „Der lange Weg zur Freiheit“. Darin sagt Mandela folgende Worte: „Der Mensch lernt zu hassen. Er kann lernen zu lieben. Liebe entspricht der Natur des menschlichen Herzens sehr viel mehr ...“
Wenn wir ohnehin vieles lernen müssen, was hält uns davon ab, eben dieser Natur unseres Herzens zu folgen?

Die Natur unseres Herzens

Die Natur des menschlichen Herzens ist eher offen und neugierig. Was muss passieren, dass wir uns von dort aus zu Eroberern entwickeln, denen die anderen weniger wichtig sind? Hat das damit zu tun, dass wir auf unseren Vorteil bedacht sind? In einem weniger perfekten Stamm könnte es sein, dass wir uns in unseren Ärger hineinsteigern und andere nerven, weil wir selbst genervt sind. Trennt uns das oder sorgt es dafür, dass wir verändernd auf unseren Stamm einwirken wollen? Wie kann man herausfinden, ob man im richtigen Stamm ist, und vor allem, welche Entscheidung muss man dafür treffen?

Entscheidungen für einen Stamm

Ich nehme nochmal meinen Anfangsgedanken auf. In einer großen Welt kann es schwer sein, eine richtige Entscheidung zu fällen. Mir fallen Entscheidungen heute leicht und die Welt ist immer noch groß. Warum das so ist? Ich habe keine Angst vor den Konsequenzen, denn ich trage sie in jedem Fall. Verluste interessieren mich weniger, denn auch hier gibt es immer einen Gewinn. Ich lasse mich weniger ablenken, und ich vertraue meinen Instinkten. Selbstverständlich bin ich nicht autonom, aber ich bin mir meiner möglichen Voreingenommenheit bewusst und ich versuche, verschiedene Blickrichtungen einzunehmen, um ein Bild vollständiger zu erfassen.

Stammesbewusstsein ist ein Prozess

Wenn Entscheidungen ein selbstverständlicher Teil meines Lebens sind, dann finde ich es folgerichtig, mich nach Menschen umzusehen, die zu mir passen – und umgekehrt. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass Stammesbewusstsein ein Prozess ist, einer, der Aufmerksamkeit erfordert. Normalerweise werden wir in eine Gruppe hineingeboren. Das Wort dafür ist Familie. Unsere Herkunftsfamilie prägt uns, bietet uns die Grundlage für soziales Miteinander, schafft Regeln. Ich stamme aus einer Familie, in der viel gesprochen wurde. Immer über etwas, aber nie über sich selbst und die eigene Befindlichkeit. Schon gar nicht über Zusammenhalt, in jedem Fall jedoch über Regeln. Folgerichtig habe ich mich jahrzehntelang mit dem Sinn und Unsinn von Regeln herumgeschlagen. Bis ich eines Tages die Erkenntnis hatte, dass Regeln nur Absprachen sind.

Absprachen erleichtern das Zusammenleben.

Auch diese Erfahrung habe ich in meiner Familie gemacht, aber sie erst Jahre später bemerkt, als ich schon mein eigenes Leben führte. Weit weg von zu Hause.

Jeder Stamm hat seine Regeln

Während meiner Südostasienreisen habe ich im Vorfeld viele Regeln gelernt, um die Menschen dort nicht unabsichtlich zu kränken. Da mir bewusst war, wie sehr sich meine Kultur unterschied, fand ich es selbstverständlich, mich mit den Regeln der anderen Kultur zu beschäftigen. Meine Belohnung bestand in anerkennenden Bemerkungen, mit denen die Menschen mir deutlich machten, ich sei eine von ihnen. Ich kann noch immer fühlen, wie angenehm mir das war, obwohl ich mir meiner Andersartigkeit dort vollkommen bewusst war. Und erstaunlicherweise fiel es mir leicht, mich den fremden Regeln entsprechend zu verhalten. Später wurde mir klar, dass ich es so leicht fand, weil ich keinerlei Bedürfnis verspürte, mich gegen sie zu wehren. Ich schaute nur, wie verschieden Regeln – Absprachen – sein konnten und wie sie nicht von Richtigkeit abhängig waren, sondern von Übereinstimmung. Ganz anders als in meinem kleinen Herkunftsstamm, meiner Familie. Dort hatte ich immer jede Regel auf Richtigkeit geprüft.

Es braucht ein Dorf

Du kennst vielleicht den afrikanischen Spruch: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Gemeint ist damit, wie wichtig die große Gruppe um die Familie herum ist, um einen sozial kompetenten Menschen zu erziehen. Das Dorf entspricht dem Stamm, von dem ich spreche. Doch wir leben heute in viel kleineren Gruppen. Wir haben uns so lange individualisiert, bis wir uns nahezu vollständig auf uns selbst zurückgezogen haben. Im Ergebnis fühlen sich viele Menschen einsam, weil ihnen die Verbindung zu anderen fehlt. Was hat das mit der Zukunft zu tun? Eine Menge.

Zukunft erschaffen wir nur gemeinsam.

Dabei kann es helfen, Stammesbewusstsein in unsere Gefühlswelt zu integrieren. Vielleicht den Stamm der Herzen?

Stamm der Herzen

Überall auf der Welt bin ich Menschen begegnet, mit denen ich eine Wahlverwandtschaft empfinden konnte. Während dieser Lebensphase entwickelte ich das Gefühl, eine Polyglotta zu sein. Den Spitznamen verlieh mir ein Italiener. Eine Polyglotta kann überall zu Hause sein. Die Bedingung dafür war für mich, dass die Verbindung der Herzen stimmte. Einige dieser Verbindungen sind auch nach Jahrzehnten noch vorhanden. Erstaunlich, denn jede(r) von uns hat sein Leben gelebt, und diese führten uns nicht immer zusammen. Ganz im Gegenteil, oft genug trieben sie uns räumlich weit auseinander. Und doch war diese Verbindung zwischen uns immer spürbar. Selbstverständlich. Leicht. Damals entstand in mir das Gefühl, wir wären alle ein großer Stamm – ein Menschenstamm. Was wohl passieren könnte, wenn alle Menschen sich dessen bewusst wären? Ob wir dann noch Kriege führen könnten? Und welche Zukunft würden wir dann erschaffen?

Also stelle ich dir die Frage, wie dein richtiger Stamm beschaffen sein müsste und ob auch du vielleicht schon einem Herzensstamm angehörst. Ich bin gespannt, was du herausfindest.

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