Da geht noch was: Macht Stress alt?

Bei vielen Menschen ist Stress immer schon ein herausforderndes Thema. Seien Sie sich bewusst, es gibt auch hier eine natürliche Ausstattung, die uns erlaubt, mit Stress potenziell gut umzugehen. Machen Sie sich klar, dass Sie den Umgang mit Stress üben können.

Stress wird nicht schwieriger zu verarbeiten, weil Sie älter sind, sondern weil Sie Ihren Umgang damit nicht üben. Im Alter interessiert Sie Stress vielleicht nicht mehr so oder Ihre Abwehrhaltung gegen Stress hat zugenommen. In jedem Fall gestaltet sich Ihre Innenwelt anders, wenn Sie Stress als Teil eines normalen Lebens bewerten und dann üben, mit ihm umzugehen.

Sie lesen richtig: Man kann den Umgang mit Stress üben. Dazu habe ich ein Buch geschrieben, das voller Übungsanleitungen ist. Meine Lieblingsübung, den 90-Sekunden-Beobachter, stelle ich Ihnen gleich vor. Diese Übung verdanken wir der neurowissenschaftlichen Forschung von Jill Bolte Taylor an der Harvard University.

90-Sekunden-Beobachter: So geht die Übung. Bildnachweis: iStock/Deagreez

90 Sekunden mit der Wirklichkeit

Sie fand heraus, wie unser Gehirn immer mit dem stets gleichen Botenstoffcocktail auf Neues reagiert, nämlich mit einem Botenstoff für Gefahr. Dieser erhöht kurzfristig die körperliche Leistungsfähigkeit, aber reduziert die Möglichkeit zu lernen oder sich zu entspannen. Das Spannende daran ist, dass es nur um die ersten 90 Sekunden geht.

Wenn Sie also das nächste Mal Stress wahrnehmen, dann identifizieren Sie sich nicht damit, sondern schauen Sie auf die Uhr. Für 90 Sekunden beobachten Sie, was dieser Botenstoffcocktail Sie alles denken und empfinden lässt. Schreiben Sie es auf. Danach sind Sie selbst dran. Was denken Sie nach den 90 Sekunden und welche Lösungsmöglichkeiten fallen Ihnen zu der Situation ein?

Diese Übung gebe ich auch jungen Menschen mit. Eine Welt, die so viele, sich stets verändernde Informationen bietet, ist gut geeignet, viele solcher 90-Sekunden-Situationen zu erschaffen.

Nach den 90 Sekunden

Je mehr Aufmerksamkeit Sie für diese Zeitspanne entwickeln und sich bewusst anders dabei verhalten, desto eher entsteht ein neues Verhaltensmuster. Das Gehirn braucht ungefähr eine Woche, um erste Verlinkungen der Neuronen dafür zu erschaffen. Erst danach werden neuronale Netzwerke gebildet, die eine selbstverständliche, veränderte Routine im Umgang mit Stress ermöglichen. Diese Veränderung heißt: mit Abstand beobachten. Viele meiner jungen Patienten bekommen diese Übung mit und ich erlebe dabei immer wieder diesen Zauber, wenn sie erkennen, wie ungeheuer stressstabil sie sein können – auch größeren Veränderungen gegenüber.

Routine, Stress oder der Zauber der Veränderung

Je älter wir werden, desto weniger Veränderung wollen die meisten tolerieren. Abgesehen davon – Veränderung kann mühsam sein. Vor allem, wenn sie aufgezwungen wird. Stress wird dann schwerer auszuhalten. Doch auch das übt sich – mit dem 90-Sekunden-Beobachter. Denn Stress bewältigen zu können, ist der Beweis, dass wir überlebensfähig sind. Vielleicht haben Sie in Ihrem Leben viel darüber gelernt, wie schädlich Stress ist. Tatsächlich gibt es auch diesen Aspekt.

Aber es gibt auch die andere Seite, die, die wir brauchen. Die Seite, durch die wir besser werden und stabiler, weil wir Stress überlebt haben und nicht obwohl. Unter diesen Bedingungen kann Veränderung etwas Großartiges werden. Etwas, das Freude macht. Etwas, das Sie neugierig bleiben und besser altern lässt. Stellen Sie sich vor, Sie würden auf jeden Tag in Ihrem Leben neugierig sein können. Sich darauf freuen, aktiv an Veränderung teilzunehmen oder sie an anderen Menschen entstehen zu lassen. Wäre das eine interessante Veränderung oder eine, die Sie stresst? Die Antwort auf diese Frage kennen nur Sie.



Mir gefällt es, Veränderung herbeizuführen und zu begleiten. Mir gefällt es auch, mich immer wieder neu zu erfinden. Das habe ich immer so gemacht und ich gedenke es auch mit fortschreitendem Alter so zu handhaben. Die angenehmste Form der Stressverarbeitung indes ist die, mit Freunden Zeit zu verbringen. Kontakt und Verbindung zu anderen Menschen ist eine Möglichkeit, die uns Stress anders wahrnehmen lässt.

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Stress verarbeiten: Zeit mit Freunden zu verbringen, tut unglaublich gut. Bildnachweis: iStock/peemadech-bangsiri

Was sagt die Wissenschaft?

Der Neurowissenschaftler und Neuroendokrinologe Robert Sapolski hat Stressverhalten an Bonobos erforscht. Interessant war seine Beobachtung, wie die Affen in der Gruppe Stress verarbeiteten und auch Jungtiere besser mit Stress umgehen konnten, je früher sie Stress erlebt hatten.

Fällt Ihnen etwas auf? Diese Aussagen sind diametral entgegengesetzt zu dem, was herkömmlich über Stress gesagt wird. Könnten wir hier etwas lernen? Könnten die Älteren den Jüngeren auch da etwas beibringen? Aus Erfahrung? Oder einfach, weil sie zusammenkommen oder zusammensitzen? Ich erinnere mich gut an meine Großmutter, die immer ruhig blieb, wenn ich von meinen Erfahrungen erzählte. Sie sprach nicht viel, aber sie war da. Wir genossen unsere Treffen manchmal lange Zeit schweigend. Im Bewusstsein unserer Verbindung, einer, die Liebe heißt. Das genügte.

Das Leben ist eine Reise

Es gibt wenig, was auf dieser Reise vorhersehbar oder unveränderlich ist. Nur zwei Dinge sind für mich klar: Das Leben geht immer nur vorwärts und alles verändert sich. Auch Sie. Und das ist ganz verlässlich. Also wagen Sie es, sich auf dieses Abenteuer auch im Alter einzulassen. Experimentieren Sie, machen Sie all die Dinge, die Sie sich bisher nicht zu tun getraut haben. Denn wie lange wollen Sie damit noch warten?

Beginnen Sie damit, täglich etwas Verrücktes zu tun. Wann haben Sie das letzte Mal auf dem Boden oder unter dem Tisch gesessen? Vielleicht fällt es Ihnen schwer, wenn Sie es lange nicht getan haben, aber unter dem Tisch ist man als Kind oft glücklich gewesen, weil da die Welt geschützt war. Mit diesem Gefühl können Sie sich rückverbinden. Singen Sie laut – unter der Dusche, im Auto oder im Garten. Schütteln Sie sich regelmäßig mehrmals täglich. Mit all diesen Kleinigkeiten trainieren Sie die Beweglichkeit Ihres Körpers. Dabei machen Sie alle Bewegungen so klein, dass Sie sich nicht weh tun, und gerade groß genug, um sich herauszufordern. Gleichzeitig üben Sie den Umgang mit Stress. Denn 1 Mal am Tag an den Rand der Komfortzone zu gehen, ist ungeheuer gesundheitsfördernd, weil es Ihre Belastbarkeit mit Stress erhöht.

Auch Meditation ist eine Möglichkeit, stabiler auf Stress zu reagieren – nur braucht sie mehr Zeit. Unsere Vorfahren haben sich damit entspannt, in die Ferne zu schauen oder Vögel mit den Augen zu verfolgen. Bewegte Bilder wirken entspannend. Heute bezeichnet man das als Optical Flow. Vereinfacht gesagt üben Sie sich darin, bewegten Dingen nachzuschauen. Im Gehirn hat das eine vergleichbare Wirkung mit der von Meditation. Früher nannte man es die Kunst, Wolken zu gucken. Und das ist nicht nur für Ihr Gehirn gut, sondern auch für das Immunsystem, das Vegetativum und das Hormonsystem. Das Wesentliche ist jedoch, dass Sie in Bewegung bleiben, in jeder Hinsicht des Wortes – geistig und körperlich.

Nehmen Sie sich Zeit für diese praktische Übung. Bildnachweis: iStock/Olga Ubirailo

Inspirationen für den Alltag

Vielleicht gelingt es Ihnen, sich mit den Worten Veränderung und Stress anders auseinanderzusetzen, nachdem Sie diesen Artikel gelesen haben. Vor allem aber lohnt es sich, Übungen auch dann zu machen, wenn sie nicht zwingend erforderlich sind. Üben Sie, wenn es einfach ist, damit Sie es können, wenn es schwierig wird. Machen Sie sich Notizen, denn Schreiben vertieft und verankert Ihre Erfahrungen dabei. Dafür eignen sich sowohl die kleinen Übungen aus dem letzten Absatz als auch die etwas aufwändigere Übung des 90-Sekunden-Beobachters.

Praktische Übungen

Der 90-Sekunden-Beobachter: Üben Sie täglich mindestens 1 Mal. Unterbrechen Sie die tägliche Routine nicht. Erschaffen Sie Veränderungen, die Sie an den Rand Ihrer Komfortzone bringen, und beobachten Sie Ihre Reaktionen in den ersten 90 Sekunden – und danach. Erkennen Sie einen Unterschied? Wenn ja, welchen?

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